Die Quacksalber von QuedlinburgWolfgang Warsch‘s vierter Frühjahresstreich, kam auf der Überholspur von hinten, ungeahnt und mit voller Wucht. Kein Spiel würde ich im Moment lieber spielen.

Jeder Quacksalber kocht hier sein eigenes Süppchen und versucht auf diese Weise immer wertvollere Zutaten und Siegpunkte zu ergattern. Nun steht das Spiel auf der Nominierungsliste zum Kennerspiel des Jahres und ich hoffe es lässt sich keine Familie davon abschrecken diesem großartigen Spiel eine Chance zu geben, denn ganz so kompliziert ist es gar nicht …
 

Die Quacksalber von Quedlinburg – Mischen bis der Kessel knallt

Die Quacksalber von Quedlinburg kommen in der Tat mit ein wenig mehr Spielmaterial daher als üblich:

    • ein zentraler Spielplan (der Markt mit Punkteleiste und Rundenübersicht) sowie für jeden Mitspieler ein Spielertableau (mit Kessel),
    • ganz viele Zutatenchips (Kürbis, Krähenschädel, Fliegenpilz, Alraune, Falter, Spinne und Geisteratem mit den Werten 1, 2 und 4 sowie Knallerbsen mit den Werten 1,2 und 3)
    • 12 passende Zutatenbücher (jeweils zwei für Krähe, Fliegenpilz, Alraune, Spinne und Geisteratem, jeweils eins für Kürbis und Falter),
    • 4 blickdichte Zutatenbeutel, 20 roten Rubine sowie diverse Markierungssteinen pro Spielerfarbe und zuletzt noch
    • 24 Wahrsagekarten.

Bevor es losgehen kann erhält jeder Mitspieler ein Spielertableau, einen Zutatenbeutel, einen Rubin sowie eine Flasche. Die letzten zwei werden auf dem Spielertableau bereitgelegt. Außerdem darf jeder Mitspieler noch einen Markierungsstein mit Tropfen auf die Mitte seines Kessels sowie einen mit Ratte unterhalb des Kessels platzieren. Ein weiterer leerer Markierungsstein wird für die Punkteleiste benötigt.

Jeder Spieler erhält zu Beginn die gleichen Zutaten, die er in seinem Zutatenbeutel verstaut:
1 Spinne, 1 Kürbis sowie 7 Knallerbsen (vier mit dem Wert 1, zwei mit Wert 2 und eine mit der 3).

Zu Rundenbeginn deckt der Startspieler eine Wahrsagekarte auf, die für alle Mitspieler gilt und in der Regel nur Gutes bringt.
Danach brauen alle Quacksalber parallel an ihren Tränken: nacheinander werden Zutaten aus dem Beutel gezogen und beginnend beim Tropfen in der Mitte auf den Kessel gelegt (zur Verdeutlichung hilft das nette Foto). Dabei spielt es keine unwichtige Rolle, welche Zutat gezogen wird und wie viele Felder weiter diese platziert werden darf. Zeigt die Zutat eine 1, darf nur ein Feld weitergezogen werden, bei einer 2 zwei Felder weiter und bei einer 4 sogar vier Felder weiter.

Ziel ist es nun auf der Kessel-Skala möglichst weit nach vorne zu kommen. Denn das Feld, vor dem die letzte Zutat abgelegt wird (= Wertungsfeld), gibt an, wie viele Siegpunkte man am Rundenende ergattern und wie viel „Geld“ einem zum Kauf weiterer Zutaten zur Verfügung steht. Manchmal zeigen diese auch noch einen Rubin, den man zusätzlich erhält.

Hinzu kommt, dass (fast) alle Zutaten weitere Eigenschaften besitzen, die eine Rolle spielen:
Entweder sie bringen Siegpunkte (Geisteratem), erlauben eine Auswahl an Zutaten aus dem Sack (Krähenschädel), liefern Rubine (Spinnen) und manche erlauben, dass man den Tropfen in der Kesselmitte weiter vorrückt und damit in den Folgerunden bereits einen Vorsprung auf der Kessel-Skala hat.

Die Alraunen, benötigt man um ungeliebte Knallerbsen wieder zurück in den Beutel zu befördern. Doch warum sollte man Knallerbsen loswerden wollen?
Knallerbsen sind – wie der Name schon sagt – hochexplosiv und nicht wirklich beliebt: sie bringen zwar ordentlich Punkte aber sobald ihr gesamter Wert im Kessel die 7 überschreitet explodiert dieser und man ist gezwungen die Runde zu beenden, auch wenn man noch andere schöne Zutaten im Beutel gehabt hätte. Hinzu wird man noch bestraft und darf zu Rundenende entweder Siegpunkte nehmen ODER neue Zutaten kaufen. Das tut richtig weh!
Wer dies vermeiden will, kann jederzeit seinen Trank nutzen und eine gerade gezogene Knallerbse zurück in den Beutel befördern … vorausgesetzt der Kessel explodiert nicht durch diese Knallerbse.

Die Quacksalber von Quedlinburg - Spielmaterial

Sind alle Quacksalber mit ihren Tränken zufrieden oder sind die Kessel explodiert kommt es zur Auswertungsphase:

  1. Zunächst darf der Mitspieler, der die höchsten Wert auf der Kessel-Skala erreicht hat, einen Bonuswürfel werfen (Quacksalber mit explodierten Kesseln ausgenommen). Der Würfel liefert zusätzliche Siegpunkte, Tropfen oder Kürbisse.
  2. Danach werden Punkte bzw. Boni für Spinnen, Geisteratem und Falter vergeben.
  3. Spieler, auf deren Wertungsfeld ein Rubin abgebildet ist, erhalten einen eben solchen.
  4. Im Anschluss werden Siegpunkte verteilt und beginnend beim Startspieler können 1-2 neue Zutaten gekauft werden. Dabei gilt: je höher der Wert und wertvoller die Zutat, desto teurer. Z.B. kostet ein 4er Krähenschädel 19 “Geldpunkte”, ein Geisteratem pauschal deren 12. Die Preise und Fähigkeiten der einzelnen Zutaten entnimmt man den passenden Zutatenbüchern, von denen pro Zutat eines zu Spielbeginn bereitgelegt wurde.
  5. Zuletzt dürfen gesammelte Rubine ausgegeben werden, um den Trank für die Knallerbsen wieder einsatzbereit zu machen oder den Tropfen auf der Kesselskala weiter nach vorne zu bewegen.


Nach jeder Runde
wird der Stapel mit den Wahrsagekarten an den linken Nachbar weitergereicht – dieser wird Startspieler der Folgerunde. Die Flamme auf dem Spielfeld wird eins weiterbewegt. Der Geisteratem und die Alraunen sind übrigens nicht von Anfang an dabei. Diese kommen erst mit Runde 2 und 3 ins Spiel. Zudem bekommt jeder Spieler in Runde 6 noch eine ungeliebte Knallerbse zusätzlich in den Beutel.

Jeder Spieler packt alle Zutatenchips aus dem Kessel sowie neuerworbene Zutaten zurück in seinen Zutatenbeutel und die nächste Runde kann beginnen. Ab Runde zwei dürfen zurückliegende Quacksalber zusätzlich zu Rundenbeginn Rattenschwänze in ihren Trank werfen. Die Anzahl hängt davon ab, wie weit diese hinter dem führenden Quacksalber auf der Wertungsskala zurücklegen. Jeder Rattenschwanz auf dieser Skala bedeutet ein Feld im Kessel und wird durch den Rattenmarker festgehalten.

Nach 9 Runden ist Schluss. Diese ist jedoch nochmal besonders. Denn hier werden die Zutaten gleichzeitig aus den Beuteln gezogen. Wer nicht mehr will oder kann zieht einfach eine leere Hand aus dem Beutel und legt diesen anschließen vor sich. Zu Spielende können überschüssige Rubine und Geldpunkte noch in Siegpunkte eingetauscht werden (2 zu 1 bzw. 5 zu 1). Der Quacksalber mit den meisten Punkten hat die besten Tränke gebraut und gewinnt das Spiel.
 

Die Quacksalber von Quedlinburg – Astreiner Bagbau mit viel Varianz

Zugegeben, der Titel “Die Quacksalber von Quedlinburg” klingt etwas sperrig und ein erster Blick auf die Verpackung lässt nur wenig auf seinen großartigen Inhalt schließen. Und hätte man mich vor einem Monat auf das Spiel angesprochen, so hätte ich ahnungslos die Schultern gezuckt und mich wieder anderen Spielen gewidmet.

Nun sind die Quacksalber berechtigt zum Spiel des Jahres nominiert. Nur leider in der falschen Kategorie wie ich meine. Mehr hierzu könnt ihr in meinem Beitrag zu den Nominierungslisten 2018 lesen.
Zugegeben, es gibt ein bisschen mehr Spielmaterial als in gängigen Familienspielen und auch die Regeln sind ein bisschen umfangreicher. Aber ich halte an meiner Kritik an der Nominierung zum Kennerspiel fest, da ich glaube dies schadet einem Spiel wie Quacksalber mehr als das es hilft.

Die Regeln erscheinen beim ersten Lesen etwas komplex und sicherlich wird das erste Spiel auch etwas länger dauern. Aber wer den Dreh erst mal raushat, der wird die Regeln nie wieder zur Hand nehmen müssen, da alles Wichtige wirklich gut dargestellt auch auf den Spielertableaus, dem zentralen Spielplan sowie den Zutatenplättchen steht. Ich würde die Quacksalber eher als anspruchsvolles Familienspiel denn als Kennerspiel bezeichnen, was auf Klong! übrigens auch zutrifft, welches in der gleichen Kategorie auf der Empfehlungsliste steht. Doch diesem großartigen Familien-Deckbau-Spiel will ich an anderer Stelle noch huldigen

Wer die Quacksalber einmal richtig durchgespielt hat, der weiß wie der Hase läuft. Und wer dann nach 5-10 Runden meint, der Drops sei ausgelutscht, der greift zu Zutatenset 2. Denn sowohl für Krähenschädel, Fliegenpilze, Alraunen, Kreuzspinnen und den Geisteratem gibt es jeweils 4 – nennen wir es mal – „Rezepte“. Mit diesen neuen Rezepten bekommt dann jede Zutat eine neue Funktion, die sich aber nur leicht von der bereits Bekannten unterscheidet. Nach 10 weiteren Spielen dann Set 3 und nach 30 Spieleabenden Set 4. Jedes Rezept ist ausführlich im beigelieferten Almanach (ein Zusatz zu den Regeln) erläutert. So bleiben keine Fragen offen.

Doch man muss es nicht bei den vordefinierten Sets belassen. Jede Zutat kann in beliebiger Kombination mit den anderen Zutaten gemischt werden … das lädt zu anhaltendem Experimentieren ein. Hinzu kommen die Wahrsagekarten, die einen regelmäßig vor die Wahl stellen auf eine Sache zu verzichten um z.B. extra Siegpunkte zu bekommen oder weitere bessere Zutaten. Von den Wahrsagekarten sind immer nur 9 im Spiel und man weiß nie genau ob und wann welche Karte kommt.

Und wer dann immer noch meint, das Spiel von A-Z zu kennen, der dreht das Spielertableau einfach um und erhält einen zweiten Tropfen. Der darf dann eingesetzt werden um am unteren Kesselrand in einer Reagenzglas-Reihe Boni in Form von Rubinen, Siegpunkten und wertvollen Zutaten freizuschalten.

Da ist so viel Varianz und Wiederspielreiz drin und auch ich habe bisher nur an der Oberfläche gekratzt. Ich lieeeebe Deckbau und auch das Artverwandte Bagbau, um das es sich hier im Kern dreht. Dieser Mechanismus ist der beste und tollste, den es in den letzten Jahren gab. Kaum ein Spiel mit dieser Technik, das nicht den Weg in mein Spieleregal findet. Wettlauf nach El Dorado aus dem letzten Jahr kommt nach wie vor regelmäßig auf den Tisch, und nun die Quacksalber – gleiche Grundidee, nur mit Chips im Beutel statt mit Karten in einem Stapel.

Manch einem fehlt bei den Quacksalbern auf den ersten Blick die Interaktion mit den Mitspielern. Zwar gibt es keine direkte aber nicht selten die indirekte Interaktion mit den konkurrierenden Quacksalbern. Ein regelmäßiger Blick auf den Kessel-Fortschritt der Mitspieler schadet nicht und so geht man evtl. doch das ein oder andere Risiko ein um diese Kessel-Skala noch zu überholen. Macht es dann Peng! ist die Schadenfreude bei allen groß und man selbst tröstet sich damit, dass man es zumindest versucht hat. Ein bisschen Risikobereitschaft muss bei den Quacksalbern auf jeden Fall vorhanden sein, gewinnen wird man auf die sichere Spur jedenfalls nicht. Auch die Zutatenkäufe der Mitspieler sollten durchaus beachtet werden, um evtl. gegenzusteuern oder sich eine Nische zu suchen um ungeahnt an der Konkurrenz vorbeizuziehen.

An der Ausstattung der Quacksalber lässt sich also nicht meckern. Höchstens vielleicht an irreführenden Farben der Markierungssteine (Produktionsfehler der Erstauflage) und den glänzenden Kesseloberflächen, die bei ungünstigen Lichtverhältnissen zu Genickstarre führen. Aber auch das wird dann hoffentlich in der Neuauflage behoben, die aktuell vermutlich schon in der Mache ist.

Wolfgang Warsch
ist wie bereits im Beitrag zu The Mind erwähnt der Durchstarter des Jahres. Drei seiner Spiele sieht dieses Jahr zum Spiel des Jahres bzw. Kennerspiel nominiert. Die Quacksalber sind meiner Meinung sein derzeitiges Meisterstück und werden so schnell nicht wieder im Spielregal verstaut.

Vielen Dank an den Yasmina Sakri und den Schmidt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Die Quacksalber von Quedlinburg!

 
Spieleinfo
Alter: 10+
Spieleranzahl: 2 – 4
Spieldauer: 45 – 60 min
Verlag: Schmidt
Erscheinungsjahr: 2018

Die Quacksalber können jetzt auch bei Spielend einfach in Breisach bestaunt und erworben werden!

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