Zu Beginn des Jahres schwappte eine Welle über mich, eine Welle aus den USA. Dort gab es gefühlt aus dem Nichts den Spielehype des Jahres und dieser Hype hieß Wingspan.

Kurz nach dessen Erscheinen war Wingspan schon wieder vergriffen und es war abzusehen, dass der Nachdruck Monate dauern würde. So entstand recht schnell eine große Fanbase, die es kaum abwarten konnte, Wingspan endlich in die Finger zu bekommen.

Kurz darauf erschien die deutsche Ausgabe Flügelschlag bei Feuerland und schnell war klar: der Hype war nicht ungerechtfertigt.

Denn Flügelschlag sieht nicht nur umwerfend schön aus mit all seinen wunderbar gezeichneten Vogelkarten und dem bestechenden Material, sondern liefert mit seinen elegant verzahnten Spielelementen jedes Mal aufs Neue eine wunderbare Spielerfahrung.

Flügelschlag – Die Qual der Wahl

Beginnen wir also mit der umfangreichen Ausstattung von Flügelschlag:

  • 5 Spielertableaus in Lederoptik, die in drei Bereiche unterteilt sind: Wald, Grasland und Gewässer.
  • Dazu gibt es einen Würfelturm in Form eines Vogelhäuschens inklusive 5 Futterwürfel,
  • jede Menge Futterplättchen in 5 Sorten (Körner, Würmer, Beeren, Fische und Mäuse)
  • sowie 75 bunter Eier.
  • Die Vogelkarten und spielrelevante Bonuskarten sind in einer Aufbewahrungsbox verpackt, die gleichzeitig der späteren Auslage dient.

Jeder der 170 verschiedenen Vogelkarten zeigt mehrere Informationen in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Kombinationen:

  1. Den Lebensraum, in den der Vogel ausgespielt werden darf (Wald, Grasland oder Gewässer),
  2. das Futter, das er zum Ausspielen benötigt (Kombination aus den fünf Futtersorten),
  3. die Siegpunkte zum Spielende (Federn)
  4. den Nest-Typ (hier gibt es vier verschiedene, die für Runden- und Bonuswertungen relevant sind),
  5. die Anzahl der Eier, die max. auf der Vogelkarte gelagert werden dürfen,
  6. die Sonderfähigkeiten des Vogels (entweder beim Ausspielen, bei jeder Aktivierung oder wenn andere Spieler am Zug sind) und
  7. die Spannweite (relevant für Greifvögel).

Zu Spielbeginn werden auf der zentralen Wertungstafel per Zufall 4 von insgesamt 16 Rundenzielen verteilt und jeder Spieler erhält ein Spielertableau, von jeder Futtersorte ein Plättchen, 5 Vogelkarten sowie 2 Bonuskarten auf die Hand. Für jeden Vogel, den man behalten möchte, muss ein beliebiges Futterplättchen abgegeben werden. Eine der beiden Bonuskarten behält jeder Spieler, die andere wird abgeworfen.

Spielablauf:

Ausgestattet mit einigen Vogelkarten auf der Hand und ein wenig Futter wird nun über 4 Runden hinweg versucht, das eigene Vogelreservat mit möglichst vielen punkteträchtigen Vögeln zu besiedeln.

Wer am Zug ist kann aus vier Aktionen wählen:

  1. Einen Vogel aus der Hand in einen der drei Lebensräume spielen. Der Vogel wird stets auf das erste freie Feld von links platziert. Der erste Vogel pro Lebensraum kostet nur das angegebene Futter, weitere Vögel im gleichen Lebensraum zusätzlich 1 bzw. 2 Eier.
  2. Im Wald erhält man Futter aus dem Vogelhäuschen. Abhängig vom Angebot (Würfelergebnisse) können hier Würmer, Beeren, Getreide, Fische und Mäuse gesammelt werden. Zunächst nur ein Futterplättchen, später dann auch mehr.
  3. Im Grasland werden Eier gelegt und beliebig auf den bereits ausgespielten Vögeln verteilen. Vorausgesetzt, diese haben noch Platz dafür (siehe Punkt 5 der Übersicht). Auch hier gilt: je mehr Vögel bereits im Grasland ausliegen, desto mehr Eier gibt es hier zu holen.
  4. Im Gewässer zu guter Letzt erhält man neue Vogelkarten. Entweder aus der offenen Auslage oder vom Nachziehstapel. Liegen bereits einige Vögel aus, gibt es auch hier mehr Karten.

Jede der vier Aktionen kann im Laufe einer Runde beliebig oft gewählt werden.

Zu Beginn des Spiels hat jeder Spieler 8 Aktionssteine, die jeweils auf die passende Aktion im eigenen Spielertableau platziert werden. Und zwar immer auf dem ersten freien rechten Feld (mit Ausnahme der ersten Aktion, hier richtet sich die Feldwahl nach der Spalte, in die der Vogel gespielt werden darf). Liegen bereits Vögel aus, so wandert der Aktionsstein bei seiner Aktivierung von rechts nach links und aktiviert gegebenenfalls die Sonderfähigkeiten bereits ausgespielter Vögel.

Rundenende:

Haben alle Spieler ihre Aktionen durchgeführt (stets abwechselnd) kommt es zur Rundenwertung. Einer der Aktionssteinn wird auf der zentralen Wertungstafel platziert, abhängig davon, wie gut man die zu Beginn des Spiels zufällig verteilten Rundenziele erreicht hat.

Bei der Rundenwertung gilt es z.B. möglichst viele Vögel in einem Lebensraum zu haben, Eier in bestimmten Nestern aufzuweisen oder Vögel mit bestimmten Nestern und einem Ei zu besitzen. Abhängig davon, ob die kompetitive oder weniger kompetitive Variante gewählt wurde, gibt es hierfür eine bestimmte Anzahl Punkte für die Schlusswertung.

In die Folgerunde geht nun jeder Spieler mit einem Aktionsstein weniger, dafür werden aber die Aktionen durch bereits ausgespielte Vögel effektiver.

Zu Beginn einer neuen Runde wandert der Startspielervogel eins weiter, die drei Vögel in der Auslage werden durch neue ersetzt und es werden alle Futterwürfel neu gewürfelt.

Wertung:

Das Spiel endet nach der 4. Runde. Jetzt bringt so ziemlich alles Punkte, was man im Laufe des Spiels gesammelt hat:

  • Jede Vogelkarte liefert Punkte.
  • Es gibt Punkte für die anfänglich ausgewählte bzw. zusätzlich erhaltenen Bonuskarten (vorausgesetzt man erfüllt die dort angegebenen Bedingung)
  • Die Punkte aus den Rundenzielen werden ebenso hinzugezählt.
  • Jedes Ei auf dem Spielfeld liefert einen Punkt
  • Jeder Futtermarker auf einem Vogel liefert einen Punkt
  • Jede Karte unterhalb eines Vogels liefert einen Punkt.

Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt Flügelschlag.

Flügelschlag – Nicht nur optisch eine Leckerbissen

In Insiderkreisen wurde Flügelschlag schon kurz nach seinem Erscheinen als eines der Spiele des Jahres gehandelt und so hat es auch kaum überrascht, dass es Ende Juli den begehrten Kennerspiel des JahresPreis überreicht bekam. Weitere werden mit Sicherheit folgen, soviel steht schon jetzt fest.

Und zum Ende des Jahres ist die erste Erweiterung angekündigt, von der bis auf Spekulationen derzeit noch recht wenig bekannt ist. Die Fan-Gemeinde weltweit wächst stetig und wer Lust hat mal zu sehen, was sich Spielefans so einfallen lassen, dem sei ein Blick auf die Facebook Seite von Wingspan empfohlen. Dort werden die Würfeltürme/Vogelhäuschen neu gestaltet, die Eier bemalt und Nester in den verschiedensten Ausführungen fabriziert.

Auch der ursprüngliche Verlag ist in Spielerkreisen kein Unbekannter: Stonemaier macht seit einigen Jahren fast ausschließlich herausragende Spiele für Vielspieler.

Aber mit Flügelschlag gab es gleich mehrere Neuheiten: 1. der Autor eine Frau, die bis dato in der Spielewelt noch keiner kannte und 2. ein Spiel, das alleine durch das Thema und die stimmungsvolle Optik auch Gelegenheitsspieler an den Tisch lockt … trotz umfangreicherem Regelwerk.

Das ist nämlich für mich das entscheidende Merkmal: mit Flügelschlag ist es mir in vielen Jahren gelungen auch Leute an den Spieltisch und an ein komplexeres Spiel heranzuführen, die sonst nur einfache Kost bevorzugen. Ist nämlich die anfängliche Hürde genommen, spielt sich Flügelschlag elegant und flüssig. Das Spielertableau nimmt jeden Neuling an die Hand und hat man erst mal die Verwaltung der Aktionssteine verinnerlicht (wo kommen die hin und wie ist das nochmal mit den Wandern von rechts nach links), dann ist Flügelschlag ein wunderbares Spielerlebnis … ich weiß hier wiederhole ich mich.

Bei der Verleihung zum Kennerspiel des Jahres 2019 auf den Magic Moment angesprochen erwiderte Elizabeth Hargrave, sie wollte mal ein Spiel spielen, mit dessen Thema sie sich wirklich identifizieren kann. Man merkt schon irgendwie dass Flügelschlag aus der Feder einer Frau stammt … und das ist durch und durch als Kompliment zu verstehen.

Oft liegen am Ende trotz komplett unterschiedlicher Strategien/Auslagen die Punkte gar nicht mal so weit auseinander, denn bei Flügelschlag bringt alles Punkte. Der eine spezialisiert sich auf Greifvögel, der andere kann viele Eier sammeln und der dritte erfüllt als bester die Rundenziele und erreicht noch ein paar Boni.

Wie alle Stonemaier-Spiele wurde auch Flügelschlag mit einem virtuellen Gegner (dem Automa) ausgestattet, der es erlaubt, dieses wunderbare Spiel auch solitär gegen einen würdigen Gegner zu verlieren ;-.

Das haptische Erlebnis bei Flügelschlag endet übrigens nicht nur beim wunderschönen Material. Wer 1x die Regel in Händen gehalten hat, möchte diese auch nicht mehr so schnell weglegen. Das ist kein gewöhnliches Papier, es fühlt sich sogar etwas wasserabweisend an (auch wenn ich diesen Test garantiert nicht machen würde). Die Regeln an sich sind wirklich klar strukturiert und für weiterführende Fragen gibt es noch eine Schnellübersicht sowie Anhang, in dem en Detail jedes Zielplättchen, jede Bonuskarte und jede Vogelfähigkeit erläutert wird.

Jeder sollte sich zumindest ein Mal Flügelschlag anschauen … ob es dann gefällt ist immer noch Geschmacksache. Eine Sache fällt nämlich relativ dünn aus: die Interaktion zwischen den Spielern. Bei der Auswahl der Vögel kann man den Mitspielern die Suppe versalzen und auch bei der Auswahl des Futters aus dem Vogelhäuschen sollte man gelegentlich einen Blick auf die Strategie/Auslage der anderen werfen. Aber sonst spielt sich Flügelschlag relativ solitär. Zudem kann es gelegentlich länger dauern als gewünscht, besonders dann, wenn man mit 5 neuen Spielern spielt, die dann über jeden Zug 5 Minuten nachdenken.

Vieles lässt sich vorausplanen. Manche Dinge (Futterwahl) muss tatsächlich manchmal relativ kurzfristig verworfen werden. Spielen jedoch eingespielte Spieler mit, die sich beim Zug der anderen schon ihre nächsten Schritte überlegen, dann spielt sich Flügelschlag relativ flüssig und in einer angenehmen Spieldauer. Pro Spieler sollte man dennoch mit ca. 20-30 Minuten Spielzeit rechnen. D.h. im Spiel zu fünft kommt man unter 2 Stunden Spielzeit wohl nicht davon.

Ich spiele Flügelschlag aber trotzdem wirklich gerne, gerne auch nur zu zweit und will es in meiner Sammlung nicht mehr missen. Nach ca. 15 gespielten Partien finde ich immer noch einen Vogel, der mir irgendwie unbekannt vorkommt, denn die 170 Karten wollen auch erst mal alle erkundet sein. Dennoch freue ich mich jetzt schon auf die angekündigte Erweiterung und viele weitere, die bestimmt kommen werden.

Vielen Dank Elizabeth Hargrave und Jamey Stegmaier für dieses wunderbare Spiel!

Derzeit ist Flügelschlag vergriffen, wird aber Anfang September wieder in die Läden kommen!

Spieleinfo:

  • Alter: 10+
  • Spieleranzahl: 1 – 5
  • Spieldauer: 60 – 120 min
  • Verlag: Feuerland Spiele
  • Erscheinungsjahr: 2019

Wer sich mal nach Breisach verirrt, sollte auf jeden Fall auf eine Partie Flügelschlag im spielend einfach vorbeikommen – erst spielen, dann kaufen!

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