Die SPIEL 2019 ging mal wieder viel zu schnell rum. Meinetwegen hätte ich locker 4 Tage und noch mehr in den Messehallen und den unzähligen Verlagsständen verbringen können. Aber als Mutter zweier kleiner Kinder kann ich mir nur 2 1/2 Tage aus den Rippen schneiden … und muss jetzt wieder ein Jahr warten – oh Mann!

Dennoch habe ich viel erlebt und gesehen in der kurzen Zeit. Meine ganz klaren Highlights: der Autorin von FlügelschlagElizabeth Hargrave – persönlich mal die Hand schütteln und mit Tom Vasel (Kopf vom Dicetower) eine Partie House Flippers spielen. DAS passiert Dir nur in ESSEN!

Lustigerweise stand da doch beim Meet `n Play tatsächlich die Organisatorin der Spiel Dominique Metzler neben mir, um mit einem Kollegen angeregt die Frage “Berlin oder Essen” zu diskutieren. Mit Berlin ist die relativ jungfräuliche Berlin Brettspiel-Con gemeint, die insbesondere durch Hunter & Cron und die relativ große Spiele-Community in der Hauptstadt immer populärer wird.

Meine Antwort auf diese Frage hätte jedoch stets klar, laut und eindeutig “ESSEN!!” gelautet. Denn ohne die SPIEL in ESSEN gäbe es meiner Meinung nach die heutige Spielelandschaft in Deutschland und weltweit in dieser Form nicht. Die SPIEL ist die Geburtsstätte vieler, vieler Spielideen und Spielefans … mich eingeschlossen. Ohne die SPIEL würde ich heute vermutlich nicht das tun, was ich gerade mache.

So, hätten wir das auch mal geklärt…

SPIEL 2019 – Neuheiten, die einen zweiten Blick wert sind

Zwei Tage und ein Vorabend reichen natürlich lange nicht dazu aus, die ca. 1.400 Neuerscheinungen auch nur ansatzweise abzudecken. Tatsächlich bin ich aber diesmal meiner vorbereiteten Liste relativ treu geblieben und konnte mir viele interessante Neuheiten zumindest anschauen.


Aus meiner Preview Liste bin ich nach wie vor zu 100% von Point Salad (AEG), Die Crew (Kosmos), Team 3 (Abacus) und dem neun AZUL – Sommerpavillon (Next Moves) überzeugt.

Alle vier Spiele sind absolut empfehlenswert und Point Salad wird ganz sicher nächstes Jahr bei Pegasus erscheinen. Sollte dies noch im Frühjahr 2020 passieren, ist es in meinen Augen jetzt schon ein klarer Kandidat für das Spiel des Jahres 2020.

Ebenfalls sehr preisverdächtig: Team 3 von Abacus, das es als eines von wenigen Partyspielen ganz weit oben auf der Buzz-Liste von Boardgamegeek geschafft und auch bei uns schon für ordentlich Lacher gesorgt hat.

Mein erstes Spiel am Donnerstagmorgen war jedoch Azul  – Der Sommerpavillon, das ich ganze zwei Mal an den beiden Messetagen gespielt habe und das mich nicht nur optisch, sondern insbesondere mal wieder durch elegantes Spieldesign überzeugt hat. Ein klare Kaufempfehlung also hier … auch an Leute, die schon das erste oder gar beide anderen AZULs zu Hause stehen haben.


Aber auch in diesem Jahr habe ich wieder nicht nur den großen und bekannten deutschen Verlagen einen Besuch abgestattet, sondern wieder mehr Zeit bei den kleineren Verlagen der Hallen 5 & 6 verbracht und dort viele schöne Spiele entdeckt:

Buntes Burano vom Boardgame Circus erscheint auf den ersten Blick als einfaches und schönes Familienspiel. Tatsächlich aber steckt hinter diesem kleinen Karten-Sammelspiel deutlich mehr Spieltiefe und Strategie als man zunächst erwartet. In Burano werden bunte Häuserfassaden gestalten, wobei jedes Haus aus drei Teilen besteht. Der Zugriff auf die Auslage sowie das Ergattern der passenden Punktekarten für die Endwertung erzeugen immer wieder spannende Timing-Momente und laden auch immer wieder aufs Neue dazu ein, möglichst viel aus der Auslage rauszuholen.


Slide Quest von Blue Orange ist eines der wenigen Kinderspiele, die ich mir in diesem Jahr angeschaut habe. Aber auch das hat mich voll abgeholt. Eine Mischung aus Kullerhexe und Loony Quest, steht dieses Spiel ganz hoch auf meiner Wunschliste. Zusammen gilt es den kleinen Ritter auf Kugel durch immer anspruchsvollere Level zu steuern. Diese sind gepflastert mit Löchern und Hindernissen. Meine Kinder sind beide große Kugel-Labyrinth-Fans, das sagt wohl alles ….


Bargain Quest von Renegade war einfach zu schnell vergriffen, als dass ich mir eine Kopie hätte sichern können. Als Ladenbesitzer versuche ich in diesem witzigen Fantasy-Drafting-Spiel meine Auslage möglichst attraktiv zu gestalten um damit Helden mit fettem Geldbörsen für den anschließenden Monsterkampf auszustatten. Ist der Held erfolgreich färbt ein Teil des Ruhms in Form von Siegpunkten als (Herren-)Ausstatter auf mich ab. Das zuvor verdiente Geld kann ich in den Ausbau meines Ladens investieren um in den Folgerunden noch mehr einzunehmen. Am Ende zählt jeder Groschen und jeder Punkt und wer am meisten davon hat gewinnt. Bargain Quest hat mich nicht nur thematisch voll abgeholt, sondern war auch mal wieder ein echt schönes Drafting-Spiel mit einigen verzwickten Entscheidungen. Auf Englisch gibt es das Spiel schon mit etlichen Erweiterungen, auf die deutsche Version muss man wohl noch etwas warten, aber ich hoffe schwer, dass auch dieses Spiel auf den deutschen Markt kommt.


A Wonderful World von Blackrock Games hingegen ist ein klassischeres Drafting-Spiel und erinnert im ersten Moment stark an 7 Wonders. Jedoch muss ich bei jeder Karte entscheiden, ob ich sie für ein paar Ressourcen abwerfe oder in meine Auslage spiele, indem ich Ressourcen bezahle. Da keine Ressourcen über die Spielrunde hinweg behalten werden dürfen ist bei jeder Karte abzuwägen, ob man sie für eben diese wichtigen Ressourcen opfert oder lieber versucht diese für die spätere Siegpunkteausschüttung in die Auslage spielt. Bisher ist auch hier noch nicht bekannt, ob das Spiel auf Deutsch erscheinen wird, aber ich drücke mal die Daumen.


Ein kleineres Spiel von einem kleinen spanischen Verlag fand ich ebenfalls sehr spannend: Traffic Jam vom spanischen Kleinverlag Zacatrus ist eine Art 6 nimmt! mit Thema. Die Tiere aus Zoo-City wollen am Wochenende nämlich alle ans Meer. Zu drei Tageszeiten wird gereist, doch wenn zu viele Autos unterwegs sind gibt es Stau. In jeder Runde versucht man durch geschicktes Ausspielen der Kartenhand die Staubildung zu beschleunigen oder zu vermeiden um mit einer der Handkarten zu punkten. Je mehr mitmachen, desto chaotischer aber auch witziger das Ganze. Ich hoffe wirklich hierfür findet sich ein deutscher Vertrieb – denn für Familien ist Traffic Jam ein wirklich schönes Bluff-Spielchen in anspruchsvollem Setting und Optik.


Ein paar andere Spiele hatte ich zwar noch auf dem Schirm, bin aber leider nicht dazu gekommen diese anzuspielen:

  • Miyabi (HABA, Kiesling) sieht wirklich sehr vielversprechend aus. Ein cleveres Legespiel für Familien vom Azul-Autor Michael Kiesling. Hat ein bisschen was von NMBR9, jedoch deutlich interaktiver, da alle Spieler auf dieselbe Plättchen-Auslage zugreifen und dennoch diversen Bau-Einschränkungen unterworfen sind. Große Plättchen versprechen viele Punkte, aber man will auch möglichst weit nach oben Bauen, denn dort bringen sie mehr. Ein vielversprechendes Familienspiel mit einigen interessanten Entscheidungen. Der einzige Wehrmutstropfen: optisch könnte das Spiel einfach schöner und verspielter aussehen. Die einzelnen Plättchen sehen tatsächlich etwas lieblos aus. Hier MUSS HABA einfach mal etwas mehr reinstecken, wenn sie in Zukunft auch auf dem Familienspiele-Sektor eine wichtigere Rolle spiele wollen . Es handelt sich bei Miyabi ja nicht um ein Kinderspiel, sondern um ein Familienspiel und da erwarte ich schon ein wenig mehr pepp in der grafischen Umsetzung.
  • Clip Cut Park (Renegade) konnte ich zwar auf der Messe selbst nicht anspielen, aber dafür im Nachgang. Das Konzept ist sehr ungewöhnlich: Ziel ist es 5 Auftragskarten zu erfüllen, indem man diese passend mit verschiedenen Parkquadraten belegt. Diese müssen zunächst aus einem Blatt ausgeschnitten werden. Wie viele Schnitte man jedoch machen darf und wie lang diese sein müssen gibt jede Runde ein Würfel vor. Absolut ein Hingucker und tatsächlich mal wiederwas anderes, hat dieses Spiele meine volle Aufmerksamkeit erregt. Bisher konnte ich nur eine Testrunde spielen, aber die war durchaus interessant und auch wenn es zu Beginn noch so scheint, als seien die Auftragskarten ganz einfach zu erfüllen merkt man spätestens ab Karte 4, dass es verdammt knifflig werden kann. Denn jedes Teil, das man abschneidet aber nicht sofort verbauen kann muss zerknüllt werden und bring am Ende Miese.
  • In meinem Review zum 2-Personen-Stichspiel Claim hatte ich auch Fox in the Forest erwähnt, dass jetzt als Fuchs im Wald beim Schwerkraft-Verlag erschienen ist. Wer Stichspiele mag und auf der Suche nach spannenden zwei-Personen-Varianten ist, sollte dem Fuchs auf jeden Fall Beachtung schenken. Beim Fuchs im Wald geht es nämlich nicht darum die meisten Stiche zu machen oder diese korrekt anzusagen, sondern einfach nur 1-2 mehr als der Gegner zu machen. Erreiche ich z.B. 7 Stiche und mein Gegner 4, dann erhalte ich 6 Punkte, dafür mein Mitspieler aber nur 1 … und wer zuerst 21 davon hat gewinnt. Gespielt wird mit gerade mal mit 33 Karten (3 Farben a 11 Karten) und jede Karte mit ungerader Zahl hat noch eine Zusatzfunktion, die es geschickt einzusetzen gilt.
  • Kuala von Pegasus führt die altbekannte Prinzip des Abenteuer-Comics in neue Dimensionen. Bis zu vier abenteuerlustige Rätselfans begeben sich auf die gemeinsame Suche nach verborgenen Schätzen. Jeder hat Spieler hat seinen eigenen Comic und eigene Fähigkeiten, die einen immer wieder vor spannende Probleme und Rätsel stellen. Auch dies ein potenzieller Kandidat für die Nominierungsliste zum Spiel des Jahres 2020!
  • Kitchen Rush konnte ich ebenfalls auf dem Pegasus Händlertag im Oktober anspielen. Ein thematisch ansprechendes Echtzeit-Koop-Spiel für die ganze Familie, in dem wild gekocht wird. Ein klarer Gegensatz zu anderen Echtzeit-Koop-Spielen, wie z.B. Magic Maze (ebenfalls Pegasus), da man sich hier wirklich viel absprechen muss. Hat dadurch leider wieder den Nachteil, dass Alpha-Tiere am Tisch das Spiel zu 100% an sich ziehen können. Aber für alle anderen eine schöne und runde Sache. Pegasus hat es sich auch nicht nehmen lassen im Vergleich zur englischen Originalversion redaktionell nochmal Hand an Kitchen Rush zu legen und dafür gesorgt, dass man über mehrere Szenarien hinweg an die einzelnen Spielelemente herangeführt wird.

Es gab natürlich noch einige Spiele mehr, die mir durchaus gut gefallen haben, aber für den Moment soll es reichen. Schließlich bin ich ja mal wieder echt spät dran. Alle anderen Blogger haben schon lange Ihren Rückblick abgeliefert, aber ich wollte mir einfach ein wenig Zeit dafür nehmen.

SPIEL 20119 – Kritischer Blick auf die Spiele-Preise

Dem Credo meines letztjährigen Rückblicks treu bleibend werde ich aber auch dieses Jahr nicht um ein paar kritische Töne herumkommen, auch wenn mich rein organisatorisch die SPIEL dieses Jahr voll überzeugt hat.

Dem immer größer werdenden Ansturm gerecht zu werden, wurden die Tore ins Foyer für Frühaufsteher bereits um 9 Uhr geöffnet um dann gegen 9:20 Uhr wieder geschlossen zu werden. So wurde der Einlass in zwei Wellen aufgeteilt, und die Hallen tatsächlich erst um Punkt 10 Uhr geöffnet. Auch war es schön, dass die ehemaligen Hallen 11 und 12 offen aber nicht belegt waren. Wer mal ein wenig Ruhe und Luft brauchte, hatte hier die Möglichkeit sich mal für ein paar Minuten Auszuruhen. Auch die Toiletten-Situation fand ich in diesem Jahr deutlich entspannter.


Etwas ernüchternd fand ich tatsächlich den diesjährig erstmals stattgefundenen Preview-Abend. OK, die erste halbe Stunde war für mich persönlich das absolute Highlight, konnte ich doch einen Platz am Spieltisch von Tom Vasel ergattern und mit diesem eine Runde House Flippers (Sit Down!) spielen. Jedoch hatte ich mir deutlich mehr Spiele der angekündigten Verlage und ein wenig mehr Support gewünscht. Die Reaktion der Verlagsmitarbeiter war zudem sehr verhalten, da viele am nächsten Tag wieder ran mussten und so eine Nacht bis 1 Uhr und dann am Folgetag wieder erklären ist schon arg anstrengend. So war die Veranstaltung zwar kein Reinfall, war aber auch keine 35 € wert.


Besonders jedoch möchte ich an dieser Stelle auf die Preisentwicklung bei Spielen zu sprechen kommen:

Als ich Anfang der 2000er so richtig in das Hobby eingestiegen bin und schon damals regelmäßig nach Essen fuhr, waren 40 € für ein Spiel schon die obere Preisgrenze. Ganz klar hat sich in den letzten Jahren viel getan was Ausstattung und Komplexität der Spiele angeht und es ist auf jeden Fall ok, wenn ein Spiel, dass 9 kg wiegt und über 1.000 Spielstunden oder mehr Abwechslung verspricht 170 € kostet (Gloomhaven lässt grüßen).

Aber es gibt inzwischen etliche Spiele, die nicht unter 50 € zu bekommen sind, auch wenn sie im Kern relativ simpel gestrickt und ganz klar im Bereich des Familienspiels anzusiedeln sind. Das Problem nur: die wenigsten Gelegenheitsspieler nehmen so viel Geld in die Hand für ein Spiel. Da liegt die Schmerzgrenze oft schon bei30 €.

Ecos z.B. von AEG ist in meinen Augen ein klassisches Familienspiel. Etwas Spieltiefe aber nicht zu komplex könnte das ein echter HIT werden … aber nicht für 70 €, die das Spiel offiziell kosten soll. Vermutlich ist dieser Preis der pompösen Ausstattung geschuldet, die auf jeden Fall auch das Spielgefühl und die Präsenz auf dem Spieletisch steigert, aber eindeutig zu teuer für ein Familienspiel. Wer also soll Zielgruppe für solche Spiele sein? Vielspieler lassen sich mit solchen Spielen nicht mehr unbedingt aus der Deckung locken, die kaufen sich fürs gleiche Spiel lieber gleich ein richtiges Strategie-Schwergewicht oder direkt zwei und haben daran mehr Freude.


Auf der anderen Seite Spiele, die in meinen Augen einen angemessenen höheren Preis haben, aber jetzt im Weihnachtsgeschäft dem MEGA-Preisdumping unterliegen und es damit den versierten Fachhändlern (mich eingeschlossen) echt schwer machen, überhaupt noch ein Exemplar an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Flügelschlag z.B. ist derzeit für knapp über 30 € zu bekommen, obwohl es laut Verlag eine UVP von 49,90 € hat. Für mich ist Flügelschlag seine 45 € absolut wert und das werde ich auf gerne immer wieder betonen.

Andere Schrottspiele hingegen kosten vergleichsweise unverschämt viel Geld, werden aber dennoch gerne unter den Weihnachtsbaum gelegt, weil viel Werbung dafür gemacht wird.


Ich würde mir gerne einen Negativpreis im Spielesektor wünschen, so wie z.B. die goldene Himbeere, mit der der schlechteste Film des Jahres ausgezeichnet wird. Dieser Preis würde meiner Meinung nach in diesem Jahr an Popel Paule von Goliath gehen. Dieser Riesenmist soll offiziell tatsächlich 29,90 € kosten … Plastikdreck ohne Sinn und Verstand. Bitte, bitte verschont Euren Nachwuchs damit. Es gibt unzählige Alternativen, die sogar günstiger sind, aber für die Ihr Euch in 15 Jahren nicht bei Euren Kindern entschuldigen müsst. Als Eltern kann man da meiner Meinung nach schon etwas steuernd eingreifen und nicht jeden Schrott kaufen, den Kinder sich so wünschen.

Hiermit also der Appell an alle Spielefreunde da draußen: wenn möglich kauft lokal und unterstützt damit all die kleinen Spieleläden, die es ehrlich verdient haben ein paar Euro mehr zu verlangen, euch dafür aber nicht den letzten Scheiß verkaufen. Denn auch dieses Jahr wurden in Essen wieder richtige Mist-Spiele vorgestellt die leider, leider im Weihnachtsgeschäft wieder zu Tausenden über den Tisch gehen, weil in Werbeprospekten und TV massiv beworben. Für die guten Spiele findet man diese Art der Werbung leider viel zu selten!

DAS WARS … ein schönes und verspieltes Weihnachtsfest Euch allen!!!!

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